Das Problem

Schon bei Schuleintritt betragen die Entwicklungsunterschiede der Kinder mehrere Jahre. Kinder, die in Armut oder in prekären Verhältnissen aufwachsen, haben keine Chance, in ihrer Entwicklung ebenso gefördert zu werden wie andere. In einem der reichsten Länder der Welt nimmt Bildungsarmut vor allem in den Ballungsgebieten zu. Die betroffenen Kinder sind gegenüber anderen mehrfach benachteiligt. Sie haben, so 2017 die Kinderkommission des Bundestages, „vermehrt ein geringeres Selbstwertgefühl und Vertrauen in die Umwelt, verfügen über weniger Handlungsoptionen zur Lösung von Problemen und neigen stattdessen bei Konfliktsituationen häufiger zu Gewalt oder zu Rückzugsverhalten.“ Und weiter: „Besonders deutlich wird die Benachteiligung armer und armutsgefährdeter Kinder im Bildungsbereich. Dass es einen starken Zusammenhang zwischen der sozialen Herkunft eines Kindes und seinem Bildungserfolg gibt, ist zwar seit Langem bekannt, doch im Wesentlichen hat sich gerade in den letzten Jahren wenig daran geändert.“

Schon in der Grundschule bleiben solche Kinder hinter anderen zurück. Beim Übergang in die Sekundarstufe I erleben sie und andere sich zum ersten Mal als Bildungsverlierer. Spätestens im 4. Schuljahr wird die Tendenz des Auseinanderdriftens zu massivem Druck: Die einen streben mit aller Kraft nach „oben“, die anderen werden nach „unten“ abgedrängt. Wenn Eltern ihre Kinder, entgegen der Empfehlung, an einer Realschule oder einem Gymnasium anmelden, kommen diese oft erneut nicht mit und werden wieder abgeschult. Jahr für Jahr werden Zehntausende von Kindern auf diese Weise durch die frühe Erfahrung des Nicht-Genügens oder des Scheiterns in ihrer Biografie und in ihrem Selbstwertgefühl beschädigt.

Das in den meisten Bundesländern eingeführte Zwei-Säulen-Modell soll eine gleichwertige Bildung für alle Kinder sichern. Mit der sich verschärfenden Spaltung unserer Gesellschaft wächst jedoch die Gefahr, dass es zunehmend zu einem Zwei-Klassen-Modell wird. Dies gilt vor allem für Ballungsgebiete. Der Andrang zu den Gymnasien nimmt zu, bedingt durch Konkurrenz und Zukunftsangst. Im Gegenzug gibt es einen starken Abschiebedruck nach „unten“.

Gymnasien können ihren Auftrag nicht erfüllen, wenn sie zur Schule für alle werden – es sei denn, sie bejahen diese Entwicklung und werden zu Gesamtschulen. Schulen der Zweiten Säule, wie Gesamtschulen, Gemeinschaftsschulen, Sekundarschulen, Oberschulen …, die die Vielfalt der Gesellschaft in sich abbilden und annehmen sollen und wollen, können ihren Auftrag nur erfüllen, wenn sie nicht zu „Restschulen“ werden. Auch im Bereich der beruflichen Bildung verstärkt sich eine schulformspezifische Stigmatisierung: Absolventen der Hauptschule haben immer weniger Chancen, einen Ausbildungsplatz ihrer Wahl oder überhaupt einen Ausbildungsplatz zu finden.

Die Einführung der inklusiven Bildung – dazu gehört auch die Integration von Kindern mit Fluchtgeschichte – stellt die Schulen gegenwärtig vor neue Aufgaben. Ausdrücklich bejahen wir diesen Auftrag, sehen ihn als Bereicherung und produktive Herausforderung an. Dieser Auftrag muss von allen Schulen angenommen und umgesetzt werden. Solange das nicht geschieht, verstärkt sich der Problemdruck in Schulen der zweiten Säule, die ohnehin mit allen Folgen gesellschaftlicher Verwerfungen belastet sind. Diese äußern sich gegenwärtig in einer starken Zunahme des Anteils von Kindern mit Verhaltensauffälligkeiten. Auch für sie angemessene Lernumgebungen zu schaffen, ist die größte Herausforderung für alle Schulen. Diese Kinder bringen Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte und Kollegien an ihre Grenzen. Gerade sie werden verstärkt in Schulen der zweiten Säule abgeschoben.

Was auch Kinder mit sehr schwierigen Voraussetzungen unter besseren Bedingungen leisten können, zeigt das Beispiel vieler guter Schulen. Dort werden Stärken wahrgenommen und gefördert, wird Lernen auf Vielfalt angelegt, wird frühzeitige Profilierung durch Wahlangebote ermöglicht, so dass alle Schülerinnen und Schüler sich und ihre Fähigkeiten bestmöglich entwickeln können. Diesen durch unsere Verfassung bestätigten Bildungsanspruch sehen wir gefährdet, weil seine Umsetzung ohne weit reichende Reformen und Unterstützungsmaßnahmen nicht mehr gewährleistet ist. Extrem ungünstige Bedingungen haben einen Teufelskreis der Mehrfach-Benachteiligung zur Folge: Motivation, Lernbereitschaft und Leistungen sinken, Gewaltbereitschaft und Anfälligkeit für radikale Simpel-Botschaften und Verführungen nehmen zu. Von Gleichwertigkeit der beiden Säulen kann dann keine Rede mehr sein.
Für die notwendigen Veränderungen bedarf es eines verstärkten Engagements für eine Pädagogik der Vielfalt und einer neuen gesellschaftlichen Anstrengung. Dafür steht der Bildungsrat.